Zurück zur Übersicht

Date

07.10.2026

Category

News

Author

Benjamin Reichenecker

#Insights

Warum die Meldebestand-Formel im Ersatzteilgeschäft versagt

Kurz gesagt: Der Meldebestand (auch Bestellpunkt oder Bestellbestand) ist die Lagermenge, bei der eine neue Bestellung ausgelöst wird. Die Formel funktioniert gut für Teile, die regelmäßig und in ähnlichen Mengen gebraucht werden. Bei Ersatzteilen, die selten und unregelmäßig nachgefragt werden, führt sie dagegen meist zu einem Bestand, der entweder zu niedrig oder zu hoch ist.

Warum die Meldebestand-Formel im Ersatzteilgeschäft versagt
Warum die Meldebestand-Formel im Ersatzteilgeschäft versagt

Was ist der Meldebestand?

Der Meldebestand ist ein Schwellenwert im Lager. Sinkt der verfügbare Bestand eines Teils auf diesen Wert, wird nachbestellt. Im ERP geschieht das meist automatisch als Bestellvorschlag oder Bestellanforderung. Das zugrunde liegende Verfahren heißt Bestellpunktverfahren.

Der Meldebestand ist so bemessen, dass der Restbestand die Zeit überbrückt, bis die neue Lieferung im Lager verfügbar ist. Der Sicherheitsbestand bleibt dabei im Idealfall unberührt. Er fängt nur Abweichungen ab, etwa einen unerwartet hohen Verbrauch oder eine verspätete Lieferung.

Vier Begriffe werden in der Praxis oft vermischt:

  • Meldebestand (Bestellpunkt, Reorder Point)

    Bestand, bei dem eine Bestellung ausgelöst wird.

  • Sicherheitsbestand (oft auch Mindestbestand)

    Puffer für Verbrauchs- und Lieferschwankungen, der im Normalfall nicht angetastet wird.

  • Höchstbestand

    Obergrenze, bis zu der das Lager ausgefüllt wird.

  • Bestellmenge

    Menge, die pro Bestellung beschafft wird. Sie ist nicht Teil der Meldebestand-Formel.

Meldebestand in SAP

  • Im Materialstamm (Sicht Disposition 1) wird der Meldebestand als eigenes Feld gepflegt.
  • Beim Dispositionsmerkmal VB (manuelle Bestellpunktdisposition) tragen Sie es selbst ein.
  • Bei VM (maschinelle Bestellpunktdisposition) berechnet SAP den Meldebestand und den Sicherheitsbestand aus der Prognose.

Meldebestand berechnen: Die Formel

Meldebestand = (durchschnittlicher Tagesverbrauch × Wiederbeschaffungszeit in Tagen) + Sicherheitsbestand

Die drei Bestandteile

  • Durchschnittlicher Tagesverbrauch

    Verbrauch pro Arbeitstag. Meist wird er aus dem Jahresverbrauch geteilt durch die Zahl der Arbeitstage berechnet.

  • Wiederbeschaffungszeit (WBZ)

    Die Zeit vom Erreichen des Meldebestands bis zur Verfügbarkeit im Lager. Dazu gehören die interne Bearbeitung der Bestellung, die Lieferzeit des Lieferanten sowie der Wareneingang und die Prüfung. Wer nur die Lieferzeit des Lieferanten ansetzt, unterschätzt die WBZ.

  • Sicherheitsbestand

    Der Puffer für Abweichungen. Wie Sie ihn berechnen, hängt stark vom Nachfragemuster ab.

Rechenbeispiel: Meldebestand für ein Verschleißteil

Ein Dichtungssatz für einen Hydraulikzylinder wird gleichmäßig über das Jahr verbraucht:

  • Jahresverbrauch: 1.000 Stück an 250 Arbeitstagen, also 4 Stück pro Tag
  • Wiederbeschaffungszeit: 15 Arbeitstage
  • Sicherheitsbestand: 20 Stück
  • Einkaufspreis: 18 € pro Stück

Meldebestand = 4 x 15 + 20 = 80 Stück.

Fällt der Bestand auf 80 Stück, wird bestellt. In den 15 Tagen bis zur Lieferung werden rund 60 Stück verbraucht. Kommt die Lieferung pünktlich, liegen noch 20 Stück im Lager. In Euro: Beim Erreichen des Meldebestands liegen 1.440 € Warenwert im Regal, davon sind 360 € dauerhaft im Sicherheitsbestand gebunden.

Bei diesem Teil funktioniert die Formel, weil der Dichtungssatz jeden Tag in ähnlicher Menge gebraucht wird.

Wann die Formel zuverlässig ist

Die Meldebestand-Formel beruht auf vier stillen Annahmen.

Diese Annahmen treffen typischerweise auf Verbrauchsmaterial, Normteile und schnell drehende Verschleißteile zu. Im Ersatzteilgeschäft ist das oft nur ein Teil des Sortiments.

  • Der Verbrauch verteilt sich gleichmäßig über die Zeit.

  • Der Verbrauch der Vergangenheit beschreibt den Bedarf der Zukunft.

  • Die Wiederbeschaffungszeit ist bekannt und stabil.

  • Das Teil wird überhaupt regelmäßig gebraucht.

Warum die Meldebestand-Formel im Ersatzteilgeschäft versagt

  1. Bei sporadischem Bedarf gibt es keinen „Tagesverbrauch“

Nehmen wir ein Hydraulikventil für eine Anlage, die seit Jahren im Feld läuft:

  • Einkaufspreis: 1.250 €
  • Jahresbedarf: 12 Stück, verteilt auf nur drei Aufträge: Februar 5 Stück, Juli 4 Stück, November 3 Stück. In den übrigen neun Monaten: kein Bedarf.
  • Wiederbeschaffungszeit: 60 Arbeitstage

Rechnerisch ergibt das einen Tagesverbrauch von 12 ÷ 250 = 0,048 Stück. Multipliziert mit 60 Tagen WBZ sind das 2,9 Stück. Der Meldebestand ohne Sicherheitsbestand liegt also bei rund 3 Stück.

Kommt der nächste Auftrag über 5 Stück, ist das Lager leer. Zwei Stück fehlen, und zwar bis zu 60 Arbeitstage lang, also rund drei Monate. Wer dieses Risiko abfedern will und den Sicherheitsbestand auf die größte bisherige Auftragsmenge setzt, landet bei einem Meldebestand von 8 Stück. Das sind 10.000 € Bestand für ein Teil, das dreimal im Jahr gebraucht wird.

Beide Werte sind falsch, nur in unterschiedliche Richtungen: Der eine kostet Lieferfähigkeit, der andere bindet Kapital. Die Formel kennt für den Bedarf nur einen Durchschnitt, und genau dieser Durchschnitt verdeckt, wann und in welchen Mengen das Teil tatsächlich gebraucht wird.

Die aktuelle Forschung bestätigt das. Pinçe, Turrini und Meissner werten in einem Review in der Fachzeitschrift Omega (2021) die Forschung zur Ersatzteilprognose quantitativ aus. Ihr Ergebnis: Welche Methode am besten funktioniert, hängt vom Nachfragemuster des Teils ab. Eine Methode für alle Teile gibt es nicht. Eine Fallstudie von Nabil, Afia und Ismail (Ain Shams Engineering Journal, 2026) zu Axiallagern in Kreiselpumpen zeigt außerdem: Eine prognosebasierte Bestandsstrategie senkte dort sowohl die Einkaufs- als auch die Lagerhaltungskosten gegenüber einer klassischen Min-Max-Strategie, also einer Logik mit festem Bestellpunkt.

Um Teile nach ihrem Nachfragemuster einzuteilen, hat sich ein Raster mit zwei Kennzahlen durchgesetzt, das Boylan und Syntetos in ihrem Standardwerk Intermittent Demand Forecasting (Wiley, 2021) ausführlich beschreiben: der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Bedarfen (ADI) und die Schwankung der Bedarfsmengen (quadrierter Variationskoeffizient, CV²).

Faustregel für Monatsdaten: Ein ADI über 1,32 bedeutet, dass das Teil in 9 oder weniger von 12 Monaten nachgefragt wurde. Das Hydraulikventil aus dem Beispiel hatte Bedarf in 3 von 12 Monaten (ADI = 4) bei ähnlichen Auftragsmengen (CV² ≈ 0,04). Es ist damit ein klar sporadisches Teil.

  1. Der Sicherheitsbestand rechnet mit einer Verteilung, die es nicht gibt

Gängige Formeln für den Sicherheitsbestand arbeiten mit der Standardabweichung des Bedarfs und unterstellen, dass der Bedarf normalverteilt um einen Mittelwert schwankt. Bei vielen Monaten ohne Bedarf und wenigen großen Aufträgen trifft das nicht zu. Das Ergebnis ist ein Sicherheitsbestand, der für dieses Teil selten passt, und mit ihm ein falscher Meldebestand.

  1. Die Wiederbeschaffungszeit im Stammsatz ist veraltet oder fehlt

Die WBZ wird oft einmal gepflegt und dann nicht mehr angefasst, während sich Lieferzeiten und Lieferanten ändern. Bei neuen Teilen fehlt sie häufig ganz. Steht im Stammsatz eine Wiederbeschaffungszeit von null, ist der Meldebestand gleich dem Sicherheitsbestand. Das System plant dann, als käme die Ware am selben Tag.

  1. Der Meldebestand bleibt stehen, die installierte Basis nicht

Ein Meldebestand spiegelt die Annahmen des Tages, an dem er festgelegt wurde. Seitdem wurden vielleicht Maschinen außer Betrieb genommen, neue Maschinentypen ausgeliefert oder Teile durch Nachfolgeteile ersetzt. Eine einfache Prüffrage zeigt, wie aktuell ein Wert ist: Wann wurde dieser Meldebestand zuletzt geändert, und auf welcher Annahme beruht er?

  1. Pauschale Regeln für Tausende Teile

Weil niemand Tausende Meldebestände einzeln pflegen kann, arbeiten viele Unternehmen mit Pauschalregeln, etwa „drei Monate Reichweite für alle A-Teile“. Das ist pragmatisch, behandelt aber ein Teil mit stetigem Bedarf genauso wie eines, das zweimal im Jahr gebraucht wird.

Was stattdessen funktioniert

  • Teile nach Nachfragemuster trennen

    Behalten Sie die Meldebestand-Formel für glatte Teile. Für sporadische und klumpige Teile brauchen Sie eine andere Logik. ADI und CV² lassen sich aus jeder Bedarfshistorie im ERP berechnen.

  • Den Bedarf pro Teil prognostizieren, mit der passenden Methode

    Für sporadische Teile gibt es eigene Verfahren wie Croston oder die Syntetos-Boylan-Approximation. Welche Methode für ein Teil am besten passt, zeigt ein Backtest: Die Methode wird auf älterer Historie angelernt und mit dem Bedarf verglichen, der tatsächlich danach kam. Auch maschinelles Lernen ist dabei kein Selbstläufer: Ein Review im International Journal of Production Research (Giannopoulos et al., 2025) sieht großes Potenzial, bemängelt aber fehlende einheitliche Vergleichsstandards. Entscheidend ist deshalb der Test auf den eigenen Daten. Mehr dazu im Artikel überintermittierende Nachfrage.

  • Prognosefehler in Euro bewerten, nicht in Prozent

    Ein fehlendes Teil an einer stehenden Anlage kostet etwas anderes als ein Teil, auf das der Kunde eine Woche wartet. Ein prozentuales Fehlermaß bewertet beide Fälle gleich.

  • Nicht jedes Teil braucht einen Meldebestand

    Teile mit sehr seltenem Bedarf und vertretbarer Lieferzeit können auftragsbezogen beschafft werden. Sie werden erst bestellt, wenn ein Auftrag da ist, und binden bis dahin kein Kapital.

  • Die Prognose ins ERP geben und die Regeln dort lassen

    Statt eines festen Meldebestands erhält das ERP eine Bedarfsprognose pro Periode. Die Disposition, in SAP etwa über Planprimärbedarfe, verrechnet diesen Bedarf mit Bestand und offenen Bestellungen und wendet Sicherheitsbestand, Losgrößen und Vorlaufzeiten so an, wie Ihr Team sie eingestellt hat.

  • Klein anfangen

    Prüfen Sie nicht das ganze Sortiment, sondern zuerst die zwanzig Teile, deren Fehlen am meisten kostet.

Aus der Praxis: Weinig

Die Weinig AG ist ein weltweit führender Hersteller von Maschinen und Anlagen für die Massivholz- und Holzwerkstoffbearbeitung. In der Ersatzteilplanung arbeiteten die Business-Units mit unterschiedlichen Dispositionsverfahren, Fehlteile und Überbestände traten gleichzeitig auf. Weinig hat pauschale Sicherheitsbestände durch eine SKU-spezifische Bedarfsprognose ersetzt. Gemeinsam mit PartsCloud wurden Beschaffungsparameter, Mindestbestände und Lieferantenstrategien auf Basis der Prognosen pro Teilenummer neu kalibriert, statt auf Basis von Erfahrungswerten oder pauschalen Aufschlägen. Die Einführung lief schrittweise, Business-Unit für Business-Unit, parallel zu laufenden ERP-Projekten.

Wo PartsOS Forecast ansetzt

PartsOS Forecast berechnet keinen Meldebestand und ersetzt Ihre Disposition nicht. Es ergänzt Ihr ERP um den Teil, an dem die Formel bei Ersatzteilen scheitert: die Bedarfsprognose pro Teil.

  • Für jedes Teil treten mehrere Prognosemethoden gegeneinander an. Es gewinnt die Methode, die im Backtest auf der Historie genau dieses Teils am besten abgeschnitten hat.
  • Jede Prognose wird in Euro bewertet: Der PC-Index zeigt, wie weit die gewählte Methode im Backtest von einer perfekten Prognose entfernt lag.
  • Planerinnen und Planer prüfen nur die Prognosen, bei denen ihr Urteil etwas ändert, und geben sie frei.
  • Freigegebene Prognosen gehen als Bruttobedarf an Ihr ERP, zum Beispiel als Planprimärbedarf in SAP. Verrechnung mit Bestand, Sicherheitsbestand und Losgrößen bleiben in Ihrem System.
  • Neue Teile ohne hinterlegte Lieferzeit plant PartsOS mit 42 Tagen statt mit null und markiert sie, bis eine echte Lieferzeit vorliegt.

Was ist PartsOS Forecast?

Häufige Fragen zum Meldebestand

  • Wie berechnet man den Meldebestand?

    Meldebestand = durchschnittlicher Tagesverbrauch × Wiederbeschaffungszeit in Tagen + Sicherheitsbestand. Bei 4 Stück Verbrauch pro Tag, 15 Tagen Wiederbeschaffungszeit und 20 Stück Sicherheitsbestand liegt der Meldebestand bei 80 Stück.

  • Was ist der Unterschied zwischen Meldebestand und Sicherheitsbestand?

    Der Meldebestand ist der Bestand, bei dem nachbestellt wird. Der Sicherheitsbestand ist ein Teil davon: der Puffer, der im Normalfall nicht angetastet wird und nur Verbrauchsspitzen oder Lieferverzögerungen abfängt.

  • Was gehört zur Wiederbeschaffungszeit?

    Die Wiederbeschaffungszeit umfasst die interne Bearbeitung der Bestellung, die Lieferzeit des Lieferanten sowie Wareneingang und Prüfung, bis das Teil im Lager verfügbar ist. Nur die Lieferzeit des Lieferanten anzusetzen, führt zu einem zu niedrigen Meldebestand.

  • Warum funktioniert der Meldebestand bei Ersatzteilen oft nicht?

    Viele Ersatzteile werden selten und unregelmäßig gebraucht. Die Formel rechnet aber mit einem durchschnittlichen Tagesverbrauch, der bei sporadischem Bedarf nie tatsächlich auftritt. Der Meldebestand ist dann entweder zu niedrig und führt zu Fehlteilen, oder zu hoch und bindet Kapital.

  • Wie oft sollte man den Meldebestand überprüfen?

    Spätestens dann, wenn sich Lieferzeit, Lieferant oder die installierte Basis ändern, und für kritische Teile regelmäßig, zum Beispiel einmal pro Quartal. Bei sporadischen Teilen ist eine regelmäßig neu berechnete Bedarfsprognose verlässlicher als ein fester Wert.

  • Was ist der Meldebestand in SAP?

    In SAP ist der Meldebestand ein Feld im Materialstamm (Sicht Disposition 1). Beim Dispositionsmerkmal VB wird er manuell gepflegt, bei VM berechnet SAP ihn aus der Prognose. Unterschreitet der Bestand den Meldebestand, erzeugt die Disposition einen Beschaffungsvorschlag.

  • Quellen

    • Boylan, J. E. & Syntetos, A. A. (2021): Intermittent Demand Forecasting: Context, Methods and Applications. Wiley. ISBN 978-1-119-97608-0.
    • Pinçe, Ç., Turrini, L. & Meissner, J. (2021): Intermittent demand forecasting for spare parts: A critical review. Omega, 105, 102513. doi.org/10.1016/j.omega.2021.102513
    • Giannopoulos, P. G., Dasaklis, T. K., Tsantilis, I. & Patsakis, C. (2025): Machine learning algorithms in intermittent demand forecasting: a review. International Journal of Production Research. doi.org/10.1080/00207543.2025.2578701
    • Nabil, O. M., Afia, N. & Ismail, T. (2026): Intermittent demand forecasting for spare parts using classification/regression models of machine learning and deep learning. Ain Shams Engineering Journal, 104445. doi.org/10.1016/j.asej.2026.104445